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Entgrenzung
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Der Begriff Entgrenzung bezeichnet in verschiedenen ZusammenhĂ€ngen und auf globaler, gesellschaftlicher und individueller Ebene ein prozesshaftes Geschehen, das vormals gĂŒltige Grenzen verschwimmen lĂ€sst, sie fĂŒr ĂŒberholt erklĂ€rt, aufhebt oder gĂ€nzlich zum Verschwinden bringt. Zugleich wird mit diesem Begriff ein Zustand bezeichnet, der die Grenzen als bereits aufgehoben erklĂ€rt. Verwendet wird der Begriff in diversen wissenschaftlichen Disziplinen, bevorzugt in den Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, speziell in Psychologie und Sozialpsychologie, aber auch in Medizin und Kunst. DarĂŒber hinaus fand der Begriff Eingang in die Umgangssprache. Sein Gegenpol ist die Begrenzung.

Contents

‱ Definition
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Definition

Es gibt keine Definition, auf die sich die verschiedenen, mit dem Begriff der Entgrenzung befassten Disziplinen geeinigt hĂ€tten. Kaum ein Gegenstandsbereich wissenschaftlicher Betrachtung lĂ€sst den Begriff außen vor, wie eine Recherche auf Google Scholar mit ĂŒber 30.000 Treffern zu erkennen gibt.cite-ref-google-scholar-1-0[1] Gelegentlich wird er in Verbindung mit dem Begriff der Deprofessionalisierung verwendet.cite-ref-speck-2-0[2]

Astrid Ebner-Zarl, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe Media Business an der Fachhochschule St. Pölten,cite-ref-ebner-3-0[3] schlÀgt in ihrem Buch Die Entgrenzung von Kindheit in der Mediengesellschaftcite-ref-ebner-2-4-0[4] als Definition vor:

„Der Entgrenzungsbegriff wird zur Beschreibung diverser gesellschaftlicher VerĂ€nderungen verwendet, die mit dem Verschwimmen von bislang klaren oder als klar empfundenen Einteilungen einhergehen. Entgrenzung bezeichnet demnach das BrĂŒchigwerden, die Verschiebung oder sogar die Auflösung von Grenzen im vielfĂ€ltigsten Sinne: Diese Grenzen, die von Zerfallsprozessen betroffen sind, können z. B. entlang von rĂ€umlichen oder symbolischen Lebensbereichen verlaufen sein, entlang von Institutionen, Lebensphasen, TĂ€tigkeiten, Rollen, Funktionen oder sozialen Klassen und Schichten.“

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Astrid Ebner-Zarl

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Die Entgrenzung von Kindheit in der Mediengesellschaft

Der Psychoanalytiker Rainer Funk machte auf den Unterschied zur GrenzĂŒberschreitung aufmerksam:

„Anders als der Begriff GrenzĂŒberschreitung, bei dem eine Grenze wie eine HĂŒrde ĂŒberschritten wird, ohne dass die Grenze selbst in Frage gestellt wird, lĂ€sst sich beim Begriff Ent-Grenzung auch etymologisch zeigen, dass es immer um eine Beseitigung von Grenzen geht.“

–

Rainer Funk

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Der entgrenzte Mensch

Das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) stellt vier Bedeutungen vor. Der Begriff bezeichne

‱ die „Auflösung von politischen oder geografischen Grenzen“,
‱ die Überschreitung oder Befreiung von moralischen, geistigen oder physischen BeschrĂ€nkungen,
‱ ein Verschmelzen oder Verschwinden von Trennlinien und Unterschieden – darunter die „Auflösung von zeitlichen und rĂ€umlichen Strukturen der Erwerbsarbeit“ und infolgedessen ein „Eindringen der Arbeit in die Freizeit“ – und schließlich
‱ die „Überwindung von gegenstĂ€ndlichen Konturen in der Malerei“.cite-ref-dwds-7-0[7]

Begriffsgeschichte

Über die Geschichte des Begriffs Entgrenzung und seiner Verwendung gibt es kaum Literatur. Laut Susann Fegter und der PĂ€dagogin Sabine Andresen, die sich auf GĂŒnter Voß beziehen,cite-ref-voss-2-8-0[8] stamme er aus der Industrie- und Arbeitssoziologie und sei dort „im Zusammenhang der Diagnose einer gegenwĂ€rtigen ‚Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft‘ [
] geprĂ€gt“ worden.cite-ref-fegter-9-0[9] Allerdings werden andere als bildungswissenschaftliche ZusammenhĂ€nge der Begriffsverwendung nicht betrachtet.

Globale Entgrenzung

Entgrenzung wird unter vielem anderen mit Globalisierungcite-ref-bpb-10-0[10] und Kriegcite-ref-bpb-2-11-0[11] in Verbindung gebracht. Jenseits dessen befassten sich die Politikwissenschaftler Lothar Brock und Mathias Albert in der Zeitschrift fĂŒr Internationale Beziehungen mit globalen EntgrenzungsphĂ€nomenen.cite-ref-brock-12-0[12] VerĂ€nderungen in der territorialen Aufteilung der Welt und in der Verbindung vormals „scharf abgegrenzter, wechselseitig exklusiver Territorien“ und Staaten verwiesen laut Brock und Albert „auf einen grundlegenden Wandel in den internationalen Beziehungen“, den sie unter dem Titel Entgrenzung der Staatenwelt analysierten. Der Staat verliere „an SteuerungsfĂ€higkeit und sozialer Kompetenz“. Trotz aller „KonflikttrĂ€chtigkeit dieser Entwicklung“ könne sie „zur Herausbildung neuer Formen von Staatlichkeit fĂŒhren“. Offen sei jedoch, „welche funktionalen Äquivalente fĂŒr die integrative Kraft der Territorialstaatlichkeit sich in Zukunft herausbilden“ wĂŒrden.cite-ref-brock-12-1[12]

In diesen ZusammenhĂ€ngen brachte der Soziologe Steffen Mau den Begriff der Entgrenzung mit den Begriffen der De- und Transnationalisierung in Verbindung und stellte sich in der Einleitung zu seinem Buch Transnationale Vergesellschaftung: Die Entgrenzung sozialer Lebenswelten die Frage, „ob die Entgrenzung des Nationalstaates und die Steigerung grenzĂŒberschreitender Interaktionen die enge Bindung an die nationalstaatliche Form aufheben und wir im Zuge von Transnationalisierung auch eine Zunahme an transnationalen oder kosmopolitischen Orientierungen erwarten“ könnten. Dies wĂŒrde, so Mau, „IdentitĂ€tskonzepte vom Nationalstaat lösen“ und dazu fĂŒhren, dass es zu „globalen Verantwortungszuschreibungen“ komme.cite-ref-mau-13-0[13]

Kosmopolitische Orientierungen sind Mau ein Anliegen, insbesondere im Zuge nationalstaatlicher Entgrenzung. Auf der Basis einer eigenen Studie konnte er zeigen, dass mit einer zunehmenden „individuellen Einbindung in transnationale ZusammenhĂ€nge die Problemlösungskompetenz stĂ€rker den internationalen Organisationen zugeschrieben und eine grĂ¶ĂŸere Verantwortung der Weltgemeinschaft eingefordert“ werde.cite-ref-mau-2-14-0[14] Probleme entstĂŒnden, wenn Transnationalisierung „in sich gebrochen und fragmentiert“ sei oder Diskrepanzen zwischen Regelungsbedarf und politischer Handlungskompetenz bestĂŒnden. Das könnte Ablehnung und Ressentiments heraufbeschwören. Zusammenfassend kommt Mau zu dem Schluss, der transnationalen Vergesellschaftung scheine „die Tendenz inhĂ€rent, auch die Anerkennung neuer Regelungsinstanzen mitzuproduzieren“.

Ganz anders setzte sich der Literaturwissenschaftler Bernd KortlĂ€nder in seiner Schrift Begrenzung – Entgrenzung mit dem Wissenschafts- und Kulturtransfer in Europa auseinander und erinnerte daran, dass beides, Be- und Entgrenzung, positive wie negative Seiten haben könne, unabhĂ€ngig davon, ob es um geographische, kulturelle, sprachliche oder andere Grenzen gehe. Grenzen könnten EigenstĂ€ndigkeit, Vielfalt und IndividualitĂ€t sichern, aber auch Austausch und Erweiterung der Erfahrungshorizonte behindern. Entgrenzung könne IdentitĂ€ten verwischen und Mannigfaltigkeit zum Verschwinden bringen, aber auch erstarrte Strukturen aufbrechen und Entwicklung den Weg ebnen.cite-ref-kortlaender-15-0[15]

Evelyn Hanzig-BĂ€tzing – Dozentin fĂŒr Philosophie an der UniversitĂ€t Bamberg – und ihr Ehemann Werner BĂ€tzing – Alpenforscher und bis 2014 Professor fĂŒr Kulturgeografie an der UniversitĂ€t Erlangen-NĂŒrnberg – widmeten sich dem Thema auf ungewöhnliche Weise. Im Jahr 2005 veröffentlichten sie unter dem Titel Entgrenzte Weltencite-ref-baetzing-16-0[16] ein gemeinsames Buch, das Bettina Dyttrich von der Schweizer Wochenzeitung WOZ als ein „wichtiges Buch“ bezeichnete.cite-ref-rotpunkt-17-0[17] Darin begrĂŒnden die beiden Autoren, „dass mit dem Prozess der Entgrenzung die Zerstörung unserer Lebenswelt“ einhergehe und „die Menschlichkeit des Menschen nur noch als ihr eigenes Scheitern möglich“ sei. Der Germanist Florian Englert verfasste fast zehn Jahre nach Erscheinen des Buches im MĂ€rz 2014 unter dem Titel Der Mensch in einer grenzenlosen, leeren Welt eine Rezension und merkte an, der Titel wirke „auf den ersten Blick“ zwar etwas „bieder“, doch „wer sich vom ‚uncoolen‘ Titel abschrecken“ lasse, verpasse „einen ungewöhnlichen, kritischen Blick auf die heutige menschliche Existenz“.cite-ref-englert-18-0[18] Nach einem Verweis auf die globalen, gesellschaftlichen und individuellen Ursachen von Entgrenzung wird als Folge eine Weltsicht abgeleitet, die darauf abziele, „eine Welt zu schaffen, die steril, sicher, ohne Leiden, ohne Schmerz ist, in der alles machbar und beherrschbar“ sei.

„Der Mensch, seine Psyche und Seele bleiben dabei auf der Strecke. In letzter Konsequenz könnte diese Entwicklung die Selbstzerstörung des Menschen bedeuten, denn das Gesamtsystem ist nach Meinung der BĂ€tzings weitaus labiler als gedacht. Sie rufen daher zur Verweigerung der unmittelbaren VerfĂŒgbarkeit und ökonomischen Verwertbarkeit auf, um in der WiderstĂ€ndigkeit MöglichkeitsrĂ€ume fĂŒr Alternativen zu schaffen, die auf ‚wechselseitiger Anerkennung der Andersheit‘ (S. 422) grĂŒnden.“

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Florian Englert (2014)

Das „auch haptisch ansprechende Buch“ werde, so Englert, „leider weder in politischen Bewegungen noch in wissenschaftlichen Kreisen ausreichend rezipiert“.

WeiterfĂŒhrend meldeten sich zu PhĂ€nomenen globaler Entgrenzung unter vielen anderen im Jahr 2018 Mitja Sienknecht mit seiner Dissertation ĂŒber Entgrenzte Konflikte in der Weltgesellschaftcite-ref-sienknecht-19-0[19] und der Psychiater Hermes Andreas Kick zu Wort, der gemeinsam mit dem Theologen Manfred Oeming 2019 das Buch Grenzen und Entgrenzung – Ethische Orientierung in einer destabilisierten Welt herausgab.cite-ref-kick-20-0[20]

Gesellschaftliche Entgrenzung

Der Begriff der Entgrenzung in gesellschaftlichen ZusammenhĂ€ngen wird in sehr unterschiedlichen Feldern aufgegriffen und beschrieben – von der Arbeitswelt ĂŒber politische Entgrenzungcite-ref-meschnig-21-0[21] bis zu religiösen Themen.cite-ref-backhaus-22-0[22]

Im Jahr 1998 befasste sich der Soziologe Gerd-GĂŒnter Voß auf der Basis eines soziologischen Forschungsprojekts mit Prozessen von Entgrenzung der Arbeit und legte eine „subjektorientierte Interpretation des Wandels der Arbeit“ vor.cite-ref-voss-23-0[23] Die Entgrenzung von Arbeitsprozessen fĂŒhre zu erheblichen Eingriffen in das Leben ErwerbstĂ€tiger, weil sie „zu einer selbstverantwortlichen Strukturierung des Arbeitens und damit der gesamten Alltagsorganisation gezwungen“ wĂŒrden, die neue Anforderungen mit sich bringe und eine „Restrukturierung des VerhĂ€ltnisses von ‚Arbeit‘ und ‚Leben‘“ erfordere. Ein neuer „Typus von Arbeitskraft“ sei vonnöten, den Voß mit zahlreichen FĂ€higkeiten jenseits der engen fachlichen Kompetenzen in Verbindung bringt, wie beispielsweise der FĂ€higkeit zum eigenen Kompetenzmanagement, zur Selbstinszenierung, „Selbstrationalisierung“, der FĂ€higkeit zu „social networking“, zur „strategischen Persönlichkeitsentwicklung und -stabilisierung“ und zur „Mobilisierung und Kultivierung tiefliegender emotionaler und kreativer Ressourcen“. Als SchlĂŒsselqualifikationen gefragt seien „basale Lebens- und Persönlichkeitskompetenzen“. Die relevanten Eigenschaften ErwerbstĂ€tiger seien „stark auf das Selbst bezogen“, erforderten „eine hohe personale Selbstreferenz und ReflexivitĂ€t“, bezögen das ganze Leben ein und erfassten den Menschen als Ganzes.cite-ref-voss-23-1[23]

Die Soziologin Vera King gab 2009 gemeinsam mit der Psychoanalytikerin Benigna Gerisch das Buch Zeitgewinn und Selbstverlust heraus, worin die beiden Herausgeberinnen der Entgrenzung unter der Überschrift Entgrenzte Arbeit – Entgrenzte Subjekte einen gesonderten Abschnitt mit zwei Artikeln widmeten, die das Thema in Verbindung mit Zeit und Prozessen von Be- und Entschleunigung bringen. Menschliche Entwicklung lasse sich nicht beliebig beschleunigen und Versuche in dieser Richtung ließen destruktive Folgen erwarten.cite-ref-king-24-0[24]

Im Jahr 2010 befasste sich der 48. Deutsche Historikertag mit Ent- und Begrenzung von Gewalt.cite-ref-historikertag-25-0[25] Als Sonderform entgrenzter Gewalt wird Folter beschrieben, beispielsweise 2020 von Frithjof Nungesser,cite-ref-nungesser-26-0[26] Lehrbeauftragter am Institut fĂŒr Soziologie der UniversitĂ€t Graz.cite-ref-nungesser-2-27-0[27] Er schreibt, dass einer „radikalen Begrenzung auf Opferseite die Entgrenzung auf folternder Seite“ gegenĂŒberstehe.cite-ref-nungesser-26-1[26] Patrik Schwarz handelte das Folterthema in der taz unter der Überschrift Die Entgrenzung der Moral ab, als er Verteidiger von Folter, wie den MĂŒnchner Professor Michael Wolffsohn, fĂŒr „gefĂ€hrlich“ erklĂ€rte, der mit „seinem Anstoß, Folter fĂŒr legitim zu erklĂ€ren“, nicht allein, sondern beispielsweise neben „Folterrelativisten“ wie Joshua Muravchik oder Jeffrey Gedmin stehe. Sie alle unterwĂŒrfen das „Prinzip der HumanitĂ€t dem KalkĂŒl des Nutzens“. Dieses Denken kenne „keine Grenzen mehr im Kampf fĂŒr die eigene Sache“.cite-ref-schwarz-28-0[28]

Im Bereich der MedienpĂ€dagogik, gab es zwischen 2013 und 2015 unter Leitung von Rudolf Kammerl an der UniversitĂ€t Hamburg ein Forschungsprojekt, das EntgrenzungsphĂ€nomene durch Onlinespiele bei Jugendlichen untersuchte. Es trug den Titel Zur Bedeutung moralischer Argumentationsniveaus Jugendlicher im Umgang mit Entgrenzungen durch Online-Spiele.cite-ref-kammerl-29-0[29] Solche Spiele können bekanntermaßen zu einer Sucht entgleisen, was allerdings nicht im Fokus des Projekts stand. Stattdessen wurde untersucht, wie sich EntgrenzungsphĂ€nomene in diesem Zusammenhang beschreiben lassen, wie sich Jugendliche dazu verhalten und wie sie ihr Verhalten begrĂŒnden. Es galt herauszufinden, ob und ggf. wie moralische Autonomie das Geschehen beeinflusst, ob ein hohes moralisches Argumentationsniveau eigene Grenzziehung erleichtert und wie sich die verschiedenen Argumentationsniveaus auf wiederkehrende Aushandlungsprozesse in Familie, Peers und Schule auswirken. Veranlasst wurde das Forschungsprojekt durch die AllgegenwĂ€rtigkeit digitaler Medien und mobiler EndgerĂ€te, womit die FĂ€higkeit, sich selbst Grenzen zu setzen, insbesondere fĂŒr Jugendliche zunehmend an Bedeutung gewinne. Die Ergebnisse der Studie wurden 2015 publiziert.cite-ref-kammerl-2-30-0[30]

Die PĂ€dagogik allgemein sah das Autorenteam Christian LĂŒders, Jochen Kade und Walter Hornstein bereits im Jahr 2002 entgrenzt, als sie ihre Schrift Entgrenzung des PĂ€dagogischen veröffentlichten und darlegten, wie pĂ€dagogisches Denken und Handeln die engeren Grenzen pĂ€dagogischer Institutionen lĂ€ngst verlassen haben.cite-ref-lueders-31-0[31]

Aus dem Blickwinkel der Erziehungswissenschaft meldete sich im Jahr 2017 Meike Sophia Baader unter dem Titel Zwischen Enttabuisierung und Entgrenzung mit einer Abhandlung zum Thema PĂ€dosexualitĂ€t zu Wort.cite-ref-baader-32-0[32] Damit legte sie einen Teil der Ergebnisse eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekts vor, das sie als Professorin an der UniversitĂ€t Hildesheim federfĂŒhrend betreute.cite-ref-baader-2-33-0[33] Im selben Jahr gab sie mit weiteren Herausgebern die Konferenzschrift Tabubruch und Entgrenzung heraus.cite-ref-baader-3-34-0[34] Beide Veröffentlichungen befassten sich mit dem Thema Kindheit und SexualitĂ€t nach 1968. Anlass der Auseinandersetzung mit diesem Thema waren im FrĂŒhjahr 2013 die PĂ€dophilie-Debatten um den Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit und die von ihm 1975 in dem Buch Der grosse Basar vertretenen Positionen.cite-ref-cohn-bendit-35-0[35] Mit ihrem Forschungsprojekt beabsichtigte Baader, die Rolle der Erziehungswissenschaft im Diskurs ĂŒber PĂ€dophilie aufzudecken, wobei sie selbst jedoch den Begriff der PĂ€dosexualitĂ€t bevorzugt. In ihrem ResĂŒmee kam Baader zu dem Schluss, dass die Diskurse der untersuchten Jahre sich durch „Ignoranz gegenĂŒber den Opfern“ auszeichneten. Erst Ende der 1980er Jahre seien die erziehungs- und sexualwissenschaftlichen Positionen, die PĂ€dophilie legitimierten, aufgegeben worden.cite-ref-baader-32-1[32]

Mit dem Buch Beyond erziehungswissenschaftlicher Grenzen legte die PĂ€dagogin Ulrike Stadler-Altmann 2019 zusammen mit Barbara Gross auf ĂŒber 350 Seiten verschiedene Diskurse zu Entgrenzungen der Disziplin von zahlreichen Autoren vor.cite-ref-stadler-36-0[36]

Speziell fĂŒr die Erwachsenenbildung behauptete der emeritierte Erziehungswissenschaftler Jochen Kade Entgrenzungen und Entstrukturierungsprozesse. Eine vormals vorhandene „Trennung von Bildung und Lebenswelt“ gebe es nicht mehr. Dem widersprach seine Kollegin Christiane Hof, Professorin an der Goethe-UniversitĂ€t in Frankfurt am Main:cite-ref-hof-37-0[37] Entgrenzung in der Erwachsenenbildung sei „nicht neu“. Sie sei von jeher weder auf eine Form der Institutionalisierung (Volkshochschule), noch auf eine Zielbestimmung (Bildung) oder eine bestimmte Technik der Vermittlung – wie die „personale Interaktion im Unterricht“ – zu begrenzen gewesen.cite-ref-hof-entgrenzung-38-0[38] Das Deutsche Institut fĂŒr Erwachsenenbildung (DIE) gibt mit der Zeitschrift fĂŒr Weiterbildungsforschung eine eigene Fachzeitschrift heraus, die ihren Fokus auf wissenschaftliche Veröffentlichungen zur Erwachsenenbildung richtet.cite-ref-die-39-0[39] Im November 2004 schrieben Jochen Kade und Wolfgang Seitter ĂŒber die „Entgrenzung der Erwachsenenbildung“,cite-ref-die-2-40-0[40] kurz darauf war unter der Herausgeberschaft von Ekkehard Nuissl das erste Heft im Jahr 2005 als Ganzes dem Thema gewidmet.cite-ref-die-3-41-0[41] Schließlich gab eine Herausgebergruppe um den PĂ€dagogen und Hochschullehrer Olaf Dörner im Jahr 2020 das Buch Erwachsenenbildung und Lernen in Zeiten von Globalisierung, Transformation und Entgrenzung heraus.cite-ref-doerner-42-0[42]

Im Feld der schönen KĂŒnste und hier speziell in der Musik veranstaltete beispielsweise die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Psychoanalyse und Musik im November 2012 in Frankfurt am Main mit RĂŒckgriff auf eine Metapher von Sigmund Freud unter dem Titel Musik und Entgrenzung – Dem ozeanischen GefĂŒhl auf der Spur ihr 4. Symposion.cite-ref-musik-43-0[43] Freud habe, so die Veranstalter, „das ‚ozeanische GefĂŒhl‘ jener primĂ€ren psychischen Organisation“ zugeordnet, „in der das Ich noch keine Außenwelt von sich abgeschieden“ habe und sich stattdessen „noch in einer innigen Verbundenheit mit seiner Umwelt“ erlebe. ErklĂ€rte Absicht war, „Konzepte zu formulieren, die jene entgrenzende QualitĂ€t der Musik, die zu solch jenseitsgeneigtem Erleben verfĂŒhrt, erklĂ€ren“ könnten. Es referierte u. a. Christa Rohde-Dachser unter dem Titel Jenseits der Zeit. BerĂŒhrungen mit dem Unendlichen in Theorie und Praxis der Psychoanalyse.cite-ref-rohde-44-0[44]

Im Bereich der Literatur findet sich zum Beispiel die Dissertation des Literatur- und Medienwissenschaftlers Timo Ogrzal, Lehrbeauftragter am Institut fĂŒr Germanistik der UniversitĂ€t Hamburg, in der er sich unter dem Titel Kairologische Entgrenzung mit der Poetologie der Zauberberg-LektĂŒren auseinandersetzte und dabei den Kairos ins Zentrum seiner Betrachtungen rĂŒckte.cite-ref-ogrzal-45-0[45]

Individuelle Entgrenzung

Zwang und Psychose

Der Psychoanalytiker Hermann Lang, ehedem Hochschullehrer an der UniversitĂ€t WĂŒrzburg, befasste sich in Therapie und Forschung mit den PhĂ€nomenen von Zwang und Zwangsstörungen. Er schrieb 50-jĂ€hrig ĂŒber Ätiologie und Aufrechterhaltung der Zwangsstörungen aus psychodynamischer Sichtcite-ref-lang-1-46-0[46] und fasste 2015 im Alter von 77 Jahren seine Erkenntnisse in dem Buch Der gehemmte Rebell zusammen.cite-ref-lang-2-47-0[47] Eine Zwangserkrankung – die vierthĂ€ufigste psychische Erkrankung in Deutschland, von der etwa 3 % der Gesamtbevölkerung betroffen sind –cite-ref-lang-3-48-0[48] gehört zu jenen Krankheitsbildern, die das Risiko psychotischer Entgrenzung bergen, wie Lang anlĂ€sslich der Beschreibung seines Forschungsprojekts „zum VerstĂ€ndnis und zur Psychotherapie von Zwangsstörungen“ mitteilte.cite-ref-lang-4-49-0[49] In dessen Rahmen konnte er nachweisen, dass der traditionelle triebdynamische Ansatz der Psychoanalyse zu kurz greife. Das Zwangssyndrom könne in bestimmten FĂ€llen „als autoprotektiver Versuch“ verstanden werden, „eine existenzbedrohende Ich-FragilitĂ€t zu stabilisieren“ und „einer psychotischen Entgrenzung und freiflottierenden Verlustangst entgegenzuwirken“. Auf diese Weise könne der Zwang „auf pathologische Weise ein fundamentales Sicherungs- und KontrollbedĂŒrfnis des Menschen“ erfĂŒllen.cite-ref-lang-4-49-1[49]

In der Psychose ist Entgrenzung eines der Leitsymptome, wenn auch nicht immer explizit so benannt. Das Psychoanalytische Seminar ZĂŒrich (PSZ), das mit dem Journal fĂŒr Psychoanalyse eine eigene Fachzeitschrift betreibt,cite-ref-psz-50-0[50] widmete dem Thema Psychose und den damit verbundenen individuellen EntgrenzungsphĂ€nomenen ein ganzes Heft.cite-ref-psz-2-51-0[51] In ihrem Editorial schreiben die Herausgeber:

„Die Behandlung von psychotisch Erkrankten ist fĂŒr die Psychoanalyse eine besondere Herausforderung, da das entgrenzte GegenĂŒber immer wieder in Wahnvorstellungen versinkt, die gemeinhin als unteilbar gelten. Sprach- und Wortzerfall, Ich-Fragmentierung, Dissoziation, emotionale Starrheit, Halluzinationen und stumme Selbstversunkenheit sind nur einige der Symptome, denen sich Psychiater und Psychotherapeuten gleichermassen stellen mĂŒssen.“

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Psychoanalytisches Seminar ZĂŒrich

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Journal fĂŒr Psychoanalyse

Das vorgelegte Journal ist dem Psychiater und Psychoanalytiker Josi Rom gewidmet, der im ZĂŒricher Institut fast 20 Jahre lang klinische Psychose-Seminare leitete und damit den Ausbildungskandidatinnen und -kandidaten die Behandlung psychotischer Patienten und deren oft entgrenzte Verfassung nahe zu bringen versuchte. Im Jahr 2007 veröffentlichte er sein Buch IdentitĂ€tsgrenzen des Ich.cite-ref-rom-1-53-0[53] Rom war daran gelegen, BrĂŒcken zwischen Wahn und RealitĂ€t zu bauen, wie er im Untertitel seines 2013 erschienenen Buches ĂŒber die Schizophrenien zu erkennen gab.cite-ref-rom-2-54-0[54]

Der entgrenzte Mensch

Nachdem Rainer Funk im Jahr 2005 sein Buch ĂŒber die Psychoanalyse des postmodernen Menschen publiziert hatte,cite-ref-funk-55-0[55] meldete sich der Psychoanalytiker in der Welt am Sonntag ĂŒber Das entgrenzte Ich zu Wort.cite-ref-funk-2-56-0[56] Pointiert bezeichnete er den Begriff Entgrenzung in seinem Essay als das „Zauberwort der postmodernen Art zu leben“. Dabei wĂŒrden markenspezifische „Lebenswelten und Lebensstile“ ebenso verkauft, wie „Events und GefĂŒhle, Infotainment, Illusion“:

„Genau davon fĂŒhlt sich die postmoderne Persönlichkeit angezogen. Sie konstruiert ihre Welt nach eigenem GutdĂŒnken und bevorzugt inszenierte Lebenswelten. Ihr Credo lautet: ‚Ich lasse mir von niemandem sagen, wer ich bin. Ich bin, der ich bin.‘ [
] Das eigene Ich ist jeden Tag und in jeder Situation neu zu erschaffen und zu transzendieren. ‚Nur wenn du etwas aus dir machst, bist du was!“

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Rainer Funk

:

Welt am Sonntag

Mit anderen Menschen entstehe eine Art Wir-GefĂŒhl, das sich jedoch nicht aus „einem gesteigerten VerantwortungsgefĂŒhl oder in einem selbstlosen Einsatz fĂŒr andere“ herleite, sondern aus dem „Wunsch, etwas Besonderes, Neues, Extremes und Entgrenztes gemeinsam zu erleben“. Entscheidend sei eine „gemeinsam erfahrbare EventqualitĂ€t“. Diese Art zu leben habe, so Funk, Auswirkungen sowohl auf das Zusammenleben der Menschen als auch auf ihre Psyche. Auf diese Weise wĂŒrden nicht etwa Freiheiten gewonnen, sondern AbhĂ€ngigkeiten zunehmen, von „belebenden Stimulanzien“ ebenso, wie „von Managern und Managementprogrammen, von Ratgebern und Beratungsangeboten, von Gebrauchsanweisungen und Manualen“. Immer mehr postmoderne Menschen erlĂ€gen der Versuchung, „menschliches Vermögen durch gemachtes Vermögen zu ersetzen“ und damit begrenzter, anstrengender oder auch enttĂ€uschender RealitĂ€t scheinbar zu entkommen – als eine Art Schutzraum erlebt und doch zugleich RealitĂ€tsflucht und Illusion, wie Funk ĂŒberzeugt ist.cite-ref-funk-2-56-2[56]

Im Jahr 2011 veröffentlichte Funk sein Buch Der entgrenzte Mensch, das er mit dem Untertitel Warum ein Leben ohne Grenzen nicht frei, sondern abhĂ€ngig macht versah.cite-ref-funk-3-57-0[57] Entgrenzung sei, so der Verlag im Klappentext, ein „Grundproblem der Gegenwart“.cite-ref-funk-4-58-0[58] Zwar seien GrenzĂŒberschreitungen „etwas Urmenschliches“, das Freiheit und UnabhĂ€ngigkeit auf den Weg bringe, doch gehe es heute nicht mehr nur darum, Grenzen auszuloten und zu ĂŒberschreiten, „sondern um eine Entgrenzung, die keinerlei Grenzen mehr anerkennen will“. Aus der Perspektive der Sozialpsychologie beschreibt Funk Entgrenzung in Wirtschaft, Arbeitswelt und Gesellschaft und macht die Ursachen dessen „in den neuen Möglichkeiten der digitalen Technik, der Vernetzung und der elektronischen Medien“ aus.

Im Nachgang zur Buchveröffentlichung trug Funk im Dezember 2011 in Stuttgart auf dem 4. Fachforum Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-WĂŒrttemberg seine Thesen vorcite-ref-funk-5-6-1[6] – unter dem Titel Der „entgrenzte“ Mensch – Wirkungen und Risiken des modernen Entgrenzungsstrebens in sozialpsychologischer Sicht. Als Nachlassverwalter des wissenschaftlichen Erbes von Erich Frommcite-ref-funk-6-59-0[59] sich auf ihn beziehend, fasste er die zentralen Aussagen seines Buches in seinem Vortrag zusammen.

Der sozialpsychologische Ansatz verspreche ein neues VerstĂ€ndnis von Individuum und Gesellschaft „und ihrer gegenseitigen Verwobenheit“. Unter dieser PrĂ€misse war Funk die Beobachtung, nach der „immer mehr Menschen nach Entgrenzung streben“, Grundlage seiner AusfĂŒhrungen. Theoretische Basis war ihm weniger Freud, der sich bevorzugt dem Studium der unbewussten Triebe widmete, als vielmehr Fromms Interesse an der Frage, „warum sich viele Menschen auf Ă€hnliche Weise irrational verhalten“.

Eine „auf Wettbewerb aufgebaute Marktgesellschaft“ produziere „notgedrungen Menschen“, die, „wenn sie gesellschaftlich erfolgreich sein wollen, eine Lust am Rivalisieren haben mĂŒssen, den anderen als Konkurrenten erleben, ihn zum Verlierer und sich selbst zum Alpha-Tier und Gewinner machen wollen“. Das Wetteifern werde zum „Lebenselixier“.

Im VerhĂ€ltnis zwischen Individuum und Gesellschaft sei Fromm – und dessen Position teilt Funk – eindeutig. Was den Menschen gelingen lasse, mĂŒsse auch der „Leitwert fĂŒr das Gelingen einer Gesellschaft“ sein. Umgekehrt könne eine Gesellschaft sich nicht zeitĂŒberdauernd produktiv entwickeln, die sich nicht am „Gelingen des Menschen“ orientiere. Fromm erkenne eine „Pathologie der NormalitĂ€t“, sofern eine wirtschaftlich oder gesellschaftlich geforderte NormalitĂ€t das Individuum an seinen menschlichen Möglichkeiten hindere oder sie gar vereitele, weil die Menschen in einem solchen Fall „von einer inneren destruktiven Dynamik gesteuert“ wĂŒrden.

Entgrenzte Menschen seien â€žĂŒbersensibel fĂŒr alles, was sie begrenzen könnte“ und wĂŒrden „von einem starken Verlangen“ getrieben, „frei von allen Vorgaben und Maßgaben selbst bestimmen zu wollen, was Wirklichkeit ist“. Ihre Kontaktfreude ersetze, „was bisher unter Beziehung verstanden wurde“, emotionale Bindung und entsprechende GefĂŒhle, beispielsweise von Sehnsucht, wĂŒrden ebenso vermieden, wie „RĂŒcksichtnahme, Verbindlichkeit, NĂ€he, Treue, Vermissen“, und all dies werde ausgetauscht durch „ein zweck- oder zeitgebundenes Kontakterleben zur Gestaltung der Freizeit, fĂŒrs Bett oder um nicht allein“ sein zu mĂŒssen. Der Einsatz fĂŒr andere Menschen diene zugleich der Selbstverwirklichung und mĂŒsse „Eventcharakter“ haben, er mĂŒsse sich rechnen.

Funk spricht von „Ich-Orientierten Menschen“, wenn er mit dem entscheidenden „Charakterzug“ des Entgrenzungsstreben befasst ist; diese Menschen liebten „das Riskante, das Grenzwertige, Übergriffige, Unkonventionelle, Unmögliche“ – „ob im Sport, in der Literatur, im Film oder im Urlaub“. In einer empirischen Studie des SIGMA-Instituts Mannheim habe sich bereits 2005 nachweisen lassen, dass „bei knapp 20 % der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands eine Dominanz der Ich-Orientierung“ bestehe, die „vor allem bei kĂŒnstlerisch und journalistisch TĂ€tigen, in der IT- und MedienBranche und in der Unterhaltungsindustrie zu finden waren – also bevorzugt bei Menschen, die mit der Gestaltung von Wirklichkeit, und hier noch einmal prĂ€ziser: mit der digitalen und medialen Gestaltung von Wirklichkeit befasst sind“. Zur Psychodynamik der Ich-Orientierung hat Funk 2006 an anderem Ort veröffentlicht.cite-ref-funk-7-60-0[60]

FĂŒr die nicht unerhebliche Zunahme des Entgrenzungsstrebens macht Funk zum einen die „gegenwĂ€rtigen technischen Entgrenzungsmöglichkeiten“ verantwortlich, „zum anderen sind sie in den Entgrenzungsforderungen von Wirtschaft, Arbeitswelt und Gesellschaft zu suchen, die sich immer mehr Menschen zu eigen zu machen haben, wenn sie nicht ins berufliche und gesellschaftliche Abseits geraten wollen“.

Zu den Entgrenzungsmöglichkeiten rechnet Funk neben den â€žĂŒberwĂ€ltigenden Errungenschaften im Bereich digitaler Technik und elektronischer Medien“ die Vernetzung, die „eine bisher kaum vorstellbare Entgrenzungsdynamik in Gang gesetzt“ habe, welche „inzwischen sĂ€mtliche Forschungs- und Lebensbereiche verĂ€ndert“ habe. Von diesen Möglichkeiten gehe „eine ungeheure Faszination“ aus, die dazu fĂŒhre, „dass Entgrenzung als SchlĂŒsselwort zur Lösung aller wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und menschlichen Probleme wird und dass die Entgrenzungstechniken in den Rang von Universalheilmitteln erhoben“ wĂŒrden.

Zu den Entgrenzungsforderungen gehöre die Tatsache, dass „Vorsorge, FĂŒrsorge, Vorleistung und Weisung eines Arbeitgebers“ zurĂŒckgingen und zunehmend „die unternehmerischen Leistungen von der Arbeitskraft selbst zu erbringen“ seien mit der Folge einer „ungeheure[n] Selbstausbeutung der BerufstĂ€tigen“. Diese „Subjektivierung der Arbeit“ werde vor allem dadurch erreicht, „dass die Arbeitsorganisation flexibilisiert und die ArbeitsverhĂ€ltnisse destabilisiert“ wĂŒrden. ErwerbstĂ€tige hĂ€tten sich der damit einhergehenden Unsicherheit und dem „Ökonomisierungs­gebot zu unterwerfen“, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, unproduktiv „ohne Projekt dazustehen“.

„Die drei genannten GrĂŒnde – die faszinierenden technischen Entgrenzungsmöglichkeiten, die Erfordernisse einer globalisierten Wirtschaft und flexibilisierten Arbeitswelt und das gegenwĂ€rtige Erfolgsmodell kapitalistischen Wirtschaftens, nĂ€mlich Wirklichkeit zu verkaufen – mögen hier genĂŒgen, um plausibel zu machen, warum immer mehr Menschen in ihrem Denken, FĂŒhlen und Handeln von einem Streben nach Entgrenzung angetrieben werden.“

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Rainer Funk

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Vortrag 2011

„Alles Heil“, so Funk, werde von „Persönlichkeitstrainings, dem Know-how sozialer Kompetenzen oder dem Einsatz des neuesten Steuerungsprogramms erwartet“. Doch ein genauer Blick offenbare die Methoden. Zum Einsatz kĂ€men „an erster Stelle Manipulation, Suggestion und die EinĂŒbung in inszenierte oder virtuelle Rollen“, mit denen „Persönlichkeitsattribute antrainiert“ wĂŒrden. Damit werde einer „‚mentalen‘ Neukonstruktion der Persönlichkeit TĂŒr und Tor geöffnet“, was nicht zum Gelingen des Menschen beitrage. Die eigenen AntriebskrĂ€fte wĂŒrden „verkĂŒmmern“, weil sie „kaum noch eine Chance gegenĂŒber den mitreißenden, begeisternden und stimulierenden Effekten inszenierter und virtueller Erlebnisangebote“ hĂ€tten. Spreche ein entgrenzter Mensch von Selbstverwirklichung, meine dies „etwas völlig anderes als die Verwirklichung eines unverwechselbaren eigenen Selbst“; und authentisch sei nicht, wer nicht anders könne, sondern wer sich „widerspruchsfrei und gekonnt zu inszenieren oder zu simulieren imstande“ sei. Bindung werde durch Kontakte ersetzt, Verbindlichkeit und Angewiesensein wĂŒrden vermieden. GefĂŒhle wĂŒrden inszeniert oder simuliert, wie von einer „auf Emotionalisierung setzende[n] Wirtschaft auf Schritt und Tritt“ angeboten. Diese VorgĂ€nge kĂ€men einer „Enteignung der AntriebskrĂ€fte und des IdentitĂ€tserleben[s]“ der Menschen gleich.

Weil die Schattenseiten des Lebens und alles, was schwierig und kritisch ist, ausgeblendet, verleugnet oder auf SĂŒndenböcke verschoben wĂŒrden, verkomme positives Denken zu einer Ideologie, wie Barbara Ehrenreich in ihrem Buch Smile or die (deutsch: lĂ€chle oder stirb, Untertitel der deutschen Ausgabe: Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt) darlegte.cite-ref-ehrenreich-61-0[61]

In der Arbeitswelt produzieren Entgrenzungsstreben und -forderungen laut Funk Verlierer, die dem nicht gewachsen sind und denen andere gegenĂŒberstehen, die sich „umso ungenierter als Entgrenzungsgewinner etablieren“. Den Verlierern blieben GefĂŒhle von DemĂŒtigung, Ohnmacht und Wertlosigkeit.cite-ref-funk-5-6-3[6]

Funk beschließt seinen Vortrag mit dem Hinweis, das menschliche Vermögen falle bescheidener als versprochen aus und VerĂ€nderung setze voraus, die „Grenzen des Möglichen schmerzhaft anzuerkennen“.

Sich „mehr Zahlen, Daten, Fakten“ wĂŒnschend besprach die Wissenschaftsjournalistin Susanne Billig auf Deutschlandfunk Kultur Funks Buch.cite-ref-funk-deutschlandfunk-62-0[62] Funk ziehe, so Billing, Michael Jackson als Beispiel fĂŒr eine „personifizierte Selbst-Entgrenzung“ heran: „das Gesicht zur Unkenntlichkeit umoperiert, die Hautfarbe ausgetauscht, Tanzschritte gleich einem Roboter und seine Heimat das Kinder-Traumland ‚Neverland‘“.

„Leidenschaftlich seien wir darum bemĂŒht, den Begrenzungen unseres Lebens auszuweichen, sei es durch Drogen, durch das Umhergeistern als Avatar in virtuellen Welten, durch inszenierte und von Persönlichkeitstrainern auf Daueroptimismus getrimmte Pseudo-Ichs oder indem wir statt verbindlicher Beziehungen hunderte von Kontakten im Internet pflegen. WĂ€hrend frĂŒhere Gesellschaften den Unterschied zwischen MĂ€rchen und RealitĂ€t deutlich markierten, wird heute die FĂ€higkeit zur RealitĂ€tsprĂŒfung, eine zentrale Funktion des erwachsenen Ichs, zunehmend außer Kraft gesetzt...“

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Susanne Billig

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Deutschlandfunk Kultur

Literatur

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Weblinks

‱ Rainer Funk: Der entgrenzte Mensch

Einzelnachweise

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